Work, 11. 5. 2012

Die Schiefergrüebler vom Engstligental

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«Schieferlunge»? An diesem Wort bin ich hängengeblieben, als ich letzthin ein Buch durchgeblättert habe. Sein Titel: «Graues Gold. Erzählung aus dem Engstligental» (1976), verfasst von Josy Doyon, einer Autorin aus dem Berner Oberland mit Jahrgang 1932.

Die «Schieferlunge», lese ich nach, meint eine Art Silikose. Sie ist, wie die «Asbestlunge», eine Lungenerkrankung, die beim Einatmen von Schadstoffen (Gesteinsstaub, Asbestfasern) entsteht. Dann lese ich Doyons Buch: von armen Bergbauern, die nur die Möglichkeit hatten, in den tief eingeschnittenen Runsen der Niesenkette nach Schiefer zu graben, wenn sie ein bisschen Geld dazuverdienen wollten. Ich las von keuchenden Fünfzigjährigen, von einem schlimmen Sprengunfall und vom lieben Gott, der das alles so gewollt habe.

Ungewöhnlich an diesem literarischen Buch: Es ist mit einer Serie von Fotografien aus den Schieferstollen illustriert. «Fotos: Ernst Ruch, Achseten.» Ich finde Ruch im Telefonbuch und rufe an. Ja, diese Fotos habe er gemacht, sagt er, er sei hier 43 Jahre lang «Schulmeister» gewesen. Wenn ich mehr wissen wolle, müsse ich halt einmal vorbeizukommen.

Schiefer 500 Meter überm Tal

In Achseten, auf halbem Weg zwischen Frutigen und Adelboden, beginnt in seiner Stube der bald 87jährige Ernst Ruch zu erzählen: Als er im Herbst 1948 im Schulhaus Ladholz zu arbeiten begonnen habe, seien ihm die Rücksackbauern sofort aufgefallen. Sie seien morgens bergauf verschwunden und am Abend müde und grauverstaubt wieder herunter gekommen seien. «Ich habe sie angesprochen, und sie haben gesagt, ich müsse halt einmal vorbeikommen.»

Im November 1948 ist Ruch zum ersten Mal die über 500 Höhenmeter zu den Schieferbändern im Berg hinaufgestiegen. Das letzte Stück des Wegs zur Baracke der Schieferwerker – im Tobel wie ein Schwalbennest an den Fels geklebt – führte durch steiles Gelände; bei Regenwetter rutschig, immer steinschlagbedroht und im Winter lebensgefährlich wegen der Lawinen.

Ruch: «Ich bin später mit dem Fotoapparat ab und zu hinauf. Mich hat das auch technisch interessiert: Wie gewinnt man Schiefer?» Ruch erzählt vom Stollen, der der Gesteinsschichtung folgend aus der Baracke schräg abwärts in den Berg führte. Von den Gefahren, die mit dem Sprengvortrieb verbunden gewesen sind. Wie mit dem Pressluftbohrer das Blindgestein vom Schiefer weggeräumt wurde. Wie danach die offen liegende Schieferfläche mit der Steinfräse in rechteckige Stücke zersägt und mit Hammer und Meissel in ungefähr fünf Zentimeter dicken Blöcken vom Fels gelöst wurde. Wie diese Blöcke mit Rollwagen und einer Seilwinde in die Baracke hinauf transportiert wurden. Wie man sie dort in kleinflächige, schmale Platten schnitt und spaltete. Wie man sie schliesslich in Holzkisten an Drahtseilen den Berg hinunter an die Hauptstrasse geschafft und von dort talauswärts, Richtung Frutigen, abtransportiert hat.

Der Arbeitstag der Schieferwerker

Seit dem frühen 18. Jahrhundert hat man hier oben «schwartze Blatten» geholt, um «Tische und Tafelen daraus zu machen», wie eine Chronik berichtet. Hart und schmutzig war diese Arbeit immer. Aber wenn man heute wissen will, wie es dabei den Arbeitern ergangen ist, erfährt man Genaueres nur noch, wenn jemand erzählt.

Arbeitszeiten: Bevor der Schieferarbeiter den gut einstündigen Arbeitsweg unter die Füsse nahm, besorgte er als Bauer den Stall. Oben am Berg wurde neun bis neuneinhalb Stunden gearbeitet. Die Familie funktionierte als Produktionseinheit: Während der Mann auf dem Rückmarsch war, räumten Frau und Kinder den Tagesmist aus dem Stall, verteilten die Streu und fütterten die Kühe. Traf der Schieferarbeiter wieder auf seinem «Heimetli» ein, reinigte er sich vom Schieferstaub, um danach als Bauer mit dem Melken zu beginnen. Ferien kannte man nicht.

Lohn: Ausser dem «Schiefermeister» waren alle «Schiefergrüebler» als Taglöhner angestellt. Um 1950, als Industriearbeiter im Unterland 2.50 bis 3 Franken pro Stunde verdienten, betrug der Anfängerstundenlohn beim Schieferabbau 80 Rappen, erinnert sich Ernst Ruch, der Tageslohn der Arbeiter lag bei 10 Franken. Auch die Schriftstellerin Josy Doyon erwähnt «einen Taglohn von zehn Franken», der später «noch etwas besser» geworden sei. Ruch betont, dass der Lohn den grösseren Teil des flüssigen Geldes ausgemacht habe, über das die Bauern verfügten.

Gesundheit: Es gab Lawinenniedergänge, Steinschlag und Sprengunfälle. Sie forderten Verletzte und Tote, trafen aber immer nur Einzelne. Dem Schieferstaub dagegen entkam keiner, jede Lunge wurde geschädigt, die meisten Arbeiter erkrankten an der Lungenkrankheit Silikose. Ruch hat viele Männer gesehen, die im besten Alter nicht mehr den Berg hochgekommen und bald einmal gestorben sind. Seit die Silikose 1938 als Berufskrankheit anerkannt worden ist, hat die Suva ein Blick auf die Arbeitsbedingungen gehabt. Die Erinnerung an die Suva-Vertrauensärzte ist im Tal allerdings nicht gut: «Mich dünkt es bald», lässt Doyon eine ihrer Figuren sagen, «die Versicherungen zahlen ihren Ärzten Sonderprämien für jeden Schieferarbeiter, den sie abwimmeln können mit der Behauptung, er habe gar keinen Schieferstaub auf der Lunge!»

Der Schulmeister greift ein

Ruch sagt: «Die Schieferarbeit war schlechte Arbeit, aber die Bauern im Tal hatten jahrzehntelang nur diese Möglichkeit, ein bisschen zusätzliches Geld ins Haus zu bringen.» In der Hochkonjunktur der sechziger Jahre sei dann die Parole von der «Begabtenreserve in den Berggebieten» aufgekommen: «Damals haben hier Personalverantwortliche der Maschinenfabriken von Georg Fischer Schaffhausen oder Sulzer Winterthur nach Lehrbuben gefischt.» Die Jugendlichen erhielten eine Alternative zu jener Arbeit, die ihre Väter kaputt machte, und gingen. «Und wer zwischen 16 und 20 im Unterland gelebt hat, ist später selten wieder zurückgekommen.»

Zusammen mit anderen Lehrern diskutiert Ruch damals, «wie die Lehrbuben wieder in die einheimischen Gewerbe kanalisiert werden könnten». Klar ist: Es braucht Lehrstellen in der Region. Aber es braucht eben auch neue Strassen, damit die Jugendlichen, die auf den elterlichen Heimwesen oben an den Hängen leben, im Winter überhaupt ihre Arbeitsplätze erreichen können. Nach anfänglicher Skepsis, ob sich Millionen-Investitionen für einige Dutzend Leute lohnen würden, erklären sich Bund und Kanton Bern bereit, je 30 Prozent der Strassenbaukosten zu übernehmen. 40 Prozent müssen die Gemeinde und die Bergbauern als Anstösser übernehmen.

Viele Jahre lang ist Ernst Ruch damals zu Vorträgen ins Unterland gefahren. Über tausend Mal hat er vor jedem erreichbaren Publikum über die Schönheiten und die Probleme des Engstligentals gesprochen. Und nie ist er mit leeren Händen zurückgekehrt. Einzelpersonen, politische und Kirchgemeinden, Lions-, Kiwanis- und Rotarierclubs, alle hat er vom Strassenbauprojekt zu überzeugen gewusst. Zehntausende von Franken hat er so zusammengebracht. Damals, schmunzelt Ruch, habe ihm einmal ein Bauer auf die Schulter geklopft und gesagt: «Dich können wir brauchen, Schulmeister, du kannst jede Kuh melken!» Ruch ist überzeugt, dass er für das Tal auch deshalb etwas erreichte, weil er sich politisch zeitlebens strikt neutral gegeben habe.

Die Teersträsschen hinauf in die von den Gräben getrennten «Spissen» mit den Streusiedlungen Linter, Ladholz und Rinderwald sind gebaut worden. Keiner der Anstösser ist deswegen verlumpt. Die neue Mobilität hat die Abwanderung verlangsamt, und verschiedene Jungbauern haben seither Frauen aus dem Unterland gefunden, was, nebenbei auch zu einer «Blutauffrischung» geführt habe, sagt Ruch.

1977 ist in der «Wildi», unterhalb des Ladholzhorns, der letzte Schieferstollen geschlossen worden. Im Bauboom jener Jahre fanden die Rücksackbauern zunehmend Arbeit im Hoch- und Tiefbau – Arbeit, die einfacher erreichbar, besser bezahlt und weniger gesundheitsschädigend war. Bis heute gibt es in Frutigen eine Schiefertafelfabrik. Aber der Schiefer, der dort verarbeitet wird, kommt seit 1977 aus Italien.

[Kasten 1]

Glauben macht selig

«Nein», sagt Max Mürner, «zwischen den Schieferarbeitern im Engstligental und der Arbeiterbewegung hat es keine Beziehungen gegeben.» Mürner war als gebürtiger Frutiger zwischen 1955 und 1985 in Burgdorf Sekretär des Schweizerischen Bau- und Holzarbeiterverbands (SBHV, später GBH, später GBI, heute Unia). Für die Gewerkschaft seien die Männer im Engstligental eben Kleinbauern gewesen, nicht Arbeiter.

Umgekehrt haben auch die Schieferwerker an der Gewerkschaft kein Interesse gehabt. Sie lebten in einer Welt, in der alles Rote vom Teufel war. «Die Evangelikalen waren und sind hier im Tal mächtig. Weniger im politischem Sinn, aber was Haltung und Lebensführung betrifft, bestimmen sie», sagt Schulmeister Ernst Ruch. Die Bauern hätten von ihren Predigern gehört: Bete und arbeite. Und da die einzige Möglichkeit, Geld hinzuzuverdienen, die Schiefergruben gewesen seien, habe diese Arbeit ja gottgewollt sein müssen.

[Kasten 2]

Bergbau in der Schweiz

2011 hat der Wirtschaftshistoriker Hans-Peter Bärtschi sein Buch über «Die industrielle Schweiz vom 18. bis ins 21. Jahrhundert» veröffentlicht (Verlag hier+jetzt). Dem Bergbau hat er darin ein ganzes Kapitel gewidmet. Es sei falsch zu sagen, schreibt er, die rohstoffarme Schweiz sei dank wehrhafter Alphirten gross geworden. Die Schweiz sei über längere Perioden «eine führende Industrienation gewesen» – auch im Bergbau: «In diesem Land sind die Bodenschätze für Beton, Gipsplatten, Gleisschotter, Ziegel oder Streusalz reichlich vorhanden.»

Gold in Gondo (VS), Blei in Goppenstein (VS), Erz aus dem Gonzen (SG) und aus verschiedenen Juraregionen, Steinkohle im Wallis, Braunkohle in Käpfnach und Aeugst (ZH), Salz aus Bex (VS) und Rheinfelden (AG), dazu der Kies- und Sandabbau, Steinbrüche, Gipswerke und Ziegeleien landauf, landab. Weitgehend verschwunden sei der Bergbau erst im 20. Jahrhundert, schreibt Bärtschi, wegen hoher Lohnkosten und der Billigimporte. Von volkswirtschaftlicher Bedeutung ist heute einzig noch die Salzgewinnung.

Im Engstligental waren 1938 noch mehr als 200 Personen im Schieferbergbau beschäftigt. Bis 1968 sank die Zahl auf rund 50. Der grössere Teil der Produktion wurde nach Deutschland exportiert. Der Schiefer aus der Niesenkette ist weich und eignet sich deshalb zum Beispiel für Schreibtafeln. In der Region Frutigen ist langezeit praktisch der gesamte Bedarf an schweizerischen Schul- und Jasstafeln produziert worden.