WOZ Nr. 46 / 2011

Ein Tunnel und vorne kein Licht

 

1.

Lara Meyer(1) ist 23, lebt mit einer Freundin zusammen in Lyss und arbeitet in Olten. Als stellvertretende Filialleiterin eines Kleidergeschäfts kann sie mit Geld umgehen. Trotzdem hat sie einen Berg Schulden. Ihre Geschichte erzählt sie am Stubentisch der elterlichen Wohnung. Ihre Mutter bringt Kaffee. Wenn der schmalen Frau beim Erzählen Tränen in die Augen schiessen, setzt sie das professionelle Verkäuferinnenlächeln auf. Im Januar 2010, sagt sie im Lauf des Gesprächs, habe sie fünfzig Kilo gewogen. Heute seien es noch einundvierzig.

Das Konkubinat mit Sepp

Aufgewachsen ist sie in Nidau, unter anderem mit Sepp, dem neun Jahre älteren Göttibueb von Mutters Freundin, der in der Nähe aufwächst: «Sepp war wie ein älterer Bruder.» 2003 kommt zu ihrer Konfirmation auch der unterdessen verheiratete Sepp. An diesem Tag verlieben sich die beiden. Während Lara in Biel eine Verkäuferinnenlehre macht, kommt Sepp häufig in ihrem Elternhaus vorbei und klagt über die Frau, die er geheiratet hat und nun schwanger ist. Als Lara zwei Jahre später in Bern ihre erste Stelle antritt, ist Sepp geschieden. Die beiden mieten eine gemeinsame Wohnung.

Sie habe es mit Sepp damals gut gehabt, erzählt Lara Meyer. Eines Tages habe vorgeschlagen, ein Haus zu mieten in Büren an der Aare. Sie sei einverstanden gewesen. So sei man umgezogen. Sepp habe sich als Lagerist einen Job in der Nähe gesucht, sie sei in jener Zeit als Verkäuferin von Bern nach Olten gewechselt. Nach einem Jahr habe Sepp gesagt, eigentlich könne man in Büren doch eine billigere Wohnung nehmen. «Mir war’s recht, so konnten wir uns für das eingesparte Geld etwas anderes leisten.» Man zieht wieder um. Nach einem halben Jahr sagt Sepp, es habe Beschwerden gegeben wegen dem Bellen ihres Hundes. Unterdessen lebt das Paar auf kühler Distanz, Lara möchte sich eigentlich trennen, aber weil sie eben einen neuen Mietvertrag unterschreiben können, ist sie einverstanden, mit Sepp weiterzuziehen, wenn auch bloss noch als Kollegin.

Ihre Wohngemeinschaft funktioniert, bis Lara Meyer eines Tages wähernd der Arbeit ins Büro des Filialleiters gerufen wird: Vom Betreibungsamt sei eine Lohnpfändung eingetroffen. Wieso sie denn ihre Schulden nicht bezahlt habe? Lara Meyer fällt aus allen Wolken.

Ein Stapel Post im Schrank

Sie sei «einfach zu naiv» gewesen, sagt Lara Meyer am Stubentisch. Wohl habe ihr Sepp 2007 einmal nebenbei gesagt, er habe jetzt Privatkonkurs gemacht und so gewisse finanzielle Altlasten aus der Welt geschafft. «Aber Schulden von früher waren ja seine Sache, die hatten nichts mit mir zu tun, wir waren ja nicht verheiratet.» Sie vertraute Sepp vollständig und hielt sich an die gemeinsame Abmachung: Sie zahlte mit ihrem Lohn die laufenden Ausgaben vom Essen bis zum Benzin fürs Auto; er im Gegenzug alle eintreffenden Rechnungen. Für sie war das angenehm: So hatte sie nichts zu tun mit dem Papierkram.

Nach dem Gespräch mit ihrem Chef geht Lara Meyer nach Hause und stellt die gemeinsame Wohnung auf den Kopf. Zuhinterst in einem Schrank findet sie einen Stapel ungeöffneter Post: ausschliesslich an sie adressierte Rechnungen, Mahnungen und Betreibungen. Jetzt bricht sie mit Sepp, kündigt die Wohnung und kehrt im Januar 2010 ins Elternhaus zurück. Aus Scham verschweigt sie über Wochen den wirklichen Grund ihrer Rückkehr.

Schliesslich gesteht sie der Mutter, dass sie mehr als 20000 Franken Schulden hat. Aber ihr Chef stehe zu ihr und habe ihr den Kontakt zur Schuldenberatung in Bern vermittelt. Der ganze Schaden ist damals freilich noch gar nicht absehbar: Über Monate treffen fast täglich weitere Betreibungen ein. X-mal erhebt Lara Meyer «Rechtsvorschlag», also Einspurch gegen die Zwangsvollstreckung. Sie wird von Betreibungsbeamten besucht. Sie muss insgesamt sechsmal vor Gericht erscheinen. Die Schulden steigen auf 63000 Franken.

Nach und nach begreift Lara Meyer: Die häufigen Wohnungswechsel waren nötig, weil Sepp jeweils bloss den ersten Mietzins bezahlt hat – und weil sie die Mietverträge mitunterzeichnet hat, hängt sie jetzt mit. Sepp hat auf Laras Namen ein Auto geleast, ohne die Raten zu bezahlen und hat die Nummer auf ihren Namen gelöst, weshalb die Bussen, die er sich eingehandelt hat, nun auf Laras Namen lauten, obschon sie gar nicht Auto fahren kann. Sepp hat auf Laras Namen Einkäufe getätigt, auf ihren Namen Abonnemente gekauft und auf ihren Namen einen Kredit aufgenommen. Er hat sich diesen Kredit auf ihr Konto auszahlen lassen und das Geld von dort abgehoben, ohne dass sie etwas merkte – ihre Unterschrift hat er gefälscht, wie er zum Passwort für ihr Konto gekommen ist, weiss sie nicht.

Bezahlt hat Sepp von den eintreffenden Rechnungen nur seine eigenen, alle Lara Meyer betreffenden hat er in den Schrank gelegt. Zeitweise war sie, begreift sie nachträglich, nicht einmal mehr krankenversichert. Damit Sepp die eintreffende Post vorsortieren konnte, legte er sich ein Postfach zu; Telefonate und Besuche von Betreibungsbeamten erledigte er, lange bevor seine Mitbewohnerin nach Geschäftsschluss aus Olten nach Büren zurückgekehrt war. Und so weiter.

«Einfach kein Vertrauen mehr»

Heute überweist Lara Meyer monatlich 1056 Franken ihres Lohns an die Schulenberatung in Bern. Das Geld wird vor allem für die aufgelaufenen Steuerschulden eingesetzt. Dank dem Verhandlungsgeschick der Fachleute dort sind die Forderungen im Rahmen eines «gerichtlichen Nachlassvertrags» unterdessen wieder auf rund 20000 Franken heruntergerückt worden – ein Betrag, der allerdings sofort fällig geworden ist. Lara Meyer hat das Geld als Darlehen bei ihren Eltern und bei Bekannten aufgenommen und wird es abstottern, sobald sie kann.

Übrigens hat Sepp mit der Überzeugungskraft eines geborenen Hochstaplers auch Laras Eltern rund 18000 Franken abgenommen. Das kantonale Betreibungsamt sagt dem Ehepaar Meyer, den Mann zu betreiben, bringe nichts. Laut Betreibungsauszug habe er im Moment über 20000 Franken Schulden, und eine Lohnpfändung sei nicht möglich, weil Sepp als arbeitslos gemeldet sei. Er lebe vom Einkommen seiner jungen Ehefrau, deren Namen er angenommen habe (was seine Gläubiger zuerst herausfinden müssen).  Vor einiger Zeit hat Lara Meyer erfahren, dass es bei Sepps Privatkonkurs 2007 um den Betrag von 181000 Franken ging. Die laufenden Alimente für das Kind seiner ersten Ehefrau ist Teil seiner Schulden.

Seit vierzehn Monaten hat Lara Meyer nun einen neuen Freund, «würklech e Liebe», sagt sie. Aber: «Er hat keine Chance bei mir – ich habe einfach kein Vertrauen mehr.» Zwei, dreimal hätten sie sich bereits getrennt, weil es ja doch nicht gehe, sagt sie und lächelt professionell.

2.

Im siebten Stock führt vom Lift der Hausmauer entlang ein verandaartige Passage. Rechts, tief unten, Bern-Bethlehem, links, in der Wohnungstür, der 61jährige Manuel Garcia. Die langen grauen Haare hat er zu einem schütteren Zopf zusammengebunden, auf der Schirmmütze steht aufgestickt «Switzerland». Er lebt in dieser Hochhauswohnung zusammen mit seiner Frau, die im Moment arbeitet, und mit seinem 18jährigen Sohn. Als er während des Gesprächs aufsteht, um die Urkunde zu holen, muss er vor dem Losgehen durchatmen, bis der Schmerz im linken Knie abgeklungen ist.

Ein Ökonom wird Raumpfleger

Die Urkunde betrifft den Abschluss an der Universität Havanna, Manuel Garcias Lizenziat in Ökonomie aus dem Jahr 1992. Es ermöglicht ihm damals, noch ein Jahr an der Universität zu arbeiten. Dann wird er entlassen. Weil es in Kuba zu diesem Zeitpunkt gerade möglich wird, selbständig zu arbeiten, beginnt Garcia, Blumen zu verkaufen. Dann wird er «mensajero»: ein Bote, der auf dem Markt für rund sechzig Familien die Rationierungsmarken einlöst und die Haushalte beliefert. Pro Kunde und Monat verdiente er so einen Dollar. Ein gutes Einkommen: Ein Dollar entspricht damals 20 kubanischen Pesos, womit er ein Einkommen von 1200 Pesos erwirtschaftet. Als lizenzierter Ökonom habe er an der Uni zuvor rund 300 Pesos verdient.

Die wirtschaftliche Probleme in Kuba seien riesig, sagt Garcia, und die Regierung tue nicht viel mehr, als einen zu zwingen, so zu denken wie sie. Sein Studium habe ihn aber gelehrt, dass vieles falsch laufe im Land. Etwa wenn in einer Fabrik zehn Personen für eine Arbeit angestellt seien, für die zwei nötig wären. Zwar habe es so in der Theorie keine Arbeitslosigkeit gegeben, das habe aber zu einer unsinnigen Praxis geführt. Seine Kritik an solchen Missständen und sein Engagement für den einige Monate nach der Gründung im Oktober 1995 unterdrückten «Concilio cubano» (ein Oppositionellendachverband) machen ihn zum Dissidenten.

Das Netzwerk des «Concilio» hat seine Ausreise organisiert. Erst am Flughafen habe er erfahren, wohin er reisen würde. Am 8. September 1996 ist er in der Schweiz eingetroffen, hat in Genf einen Antrag auf politisches Asyl gestellt und danach in Chiasso, Bern, Köniz, Saanen, und schliesslich in Niederwangen auf den Asylentscheid gewartet. Im März 1999 wird ihm mitgeteilt, dass er als politischer Flüchtling anerkannt sei unter der Bedingung, in der Schweiz nicht für die kubanische Opposition aktiv zu werden.

Garcia zieht nach Biel und geht, weil er kaum Arbeit findet, kurz darauf für zwei Jahre nach Ecuador, in das Land seiner Ehefrau. 2002 kommt er zurück, seit dem Mai jenes Jahres arbeitet er, angestellt bei verschiedenen Firmen, als Raumpfleger, zu Beginn mit einem Stundenlohn um die zwanzig Franken, flexiblen Arbeitszeiten zwischen 40 Stunden im Monat und 17 Stunden im Tag und einem Lohn zwischen 1400 und 3100 Franken im Monat.

Der verhängnisvolle Konsumkredit

Als sich das Ehepaar Garcia 2005 entschliesst, beim Marktleader in diesem Bereich, der GE Capital Bank, einen Konsumkredit von 25000 Franken aufzunehmen, arbeiten beide im gleichen Betrieb zu hundert Prozent. Die ersten Ratenzahlungen sind deshalb kein Problem. Im November 2005 bekommen beide eine Teilkündigung, von einem Monat zum nächsten halbiert sich das Einkommen nahezu. Manuel Garcia kann die Raten nicht mehr bezahlen und sucht Hilfe beim Sozialdienst der Stadt Bern, wo er vorerst «tausend Formulare» ausfüllt, alle im Doppel einreichen soll, und darum den ganzen Papierstoss auf eigene Rechung kopieren muss. Schliesslich wird ihm eine Kostengutsprache zugesprochen für einen Termin bei der Berner Schuldenberatung.

In dieser Zeit unterläuft ihm ein Missgeschick, weil er den Artikel 74 des Bundesgesetzes über Schuldenbetreibung und Konkurs nicht kennt, wonach im Betreibungsfall innert zehn Tagen handeln muss, wer Rechtsvorschlag gegen einen Zahlungsbefehl erheben will. Garcia verpasst die Frist. Er wird gepfändet und weil bei ihm nichts zu holen ist, erhält die Bank für die ausstehenden 13000 Franken einen Verlustschein. Letzthin hat ihm die GE Capital Bank angeboten, den Schuldschein für 20 Prozent des Betrags zurückzukaufen – er hat die 2600 Franken nicht.

Heute hat Garcia zwar einen regulären Arbeitsvertrag mit einem Monatslohn von 4027 Franken brutto. Aber obschon auch seine Frau arbeitet, ist es knapp. Er holt einen Ordner voller Zeigetaschen: die Fixkosten seiner Familie. Die grössten Posten: 1105 Franken für die Wohnung und etwas mehr als 820 Franken für die Krankenkassenprämien des Ehepaars und des Sohns. Ins Restaurant gehe man nie, sagt er, in den Warenhäusern schaue man auf die Aktionsangebote, trotzdem komme es vor, dass Ende des Monats kaum mehr zehn Franken auf dem Konto seien.

Seit November 2005 hat die Familie immer Schulden gehabt. Mit kleinen Beträgen stottert man hier ab, während sich dort neues Schuldenloch auftut: Insbesondere die Gesundheitskosten übersteigen die finanziellen Möglichkeiten immer wieder. Der achtzehnjährige Sohn verdient zwar in einem Eingliederungsprojekt IV-Taggelder, seine Krankheit (Epilepsie) ist aber auch nicht gratis. Der Schaden an Garcias Zahnprothese hat ihm eine Rechnung von gut 1700 Franken beschert, die er nun bis im Juli 2012 in Raten von 200 Franken abstottern muss.

Vom gesunden Menschenverstand

Als er die Krankenkasse wechselt, können sich die beiden Kassen nicht darüber verständigen, wo Garcia nun versichert sei, was dazu führt, dass beide Prämienrechnungen schicken und sich nach einer Knieoperation streiten, wer die Leistung zu erbringen habe. Schmunzelnd erzählt er, dass er gute Erfahrungen gemacht habe, mit dem Anwalt zu drohen, den er gar nicht habe: «Wenn man bei Krankenkassen ‘Anwalt’ hört, wird man gleich ein bisschen vorsichtiger.»

Letzthin ist nun aber eine Steuerrechnung von knapp  6000 Franken eingetroffen. Insgesamt schuldet die Familie Garcia an Steuern ungefähr 7800 Franken. «Ich arbeite jeden Tag. Aber immer mit Schulden: Es ist, wie wenn wir in einem Tunnel wären und vorne kein Licht, sólo negro.» Nach Kuba zurückkehren könne er auch nicht, solange dort die beiden Brüder Castro die Politik bestimmten. Jetzt sei er 61. Ob man von ihm 2012, 2013, 2014 und 2015 noch je 7000 Franken Steuern verlangen wolle: «Man kann mir doch nicht hundert wegnehmen, wenn er nur zwanzig bezahlen kann.» Da müsse man ein Einsehen haben, das gebiete doch «el entendimiento humano», der gesunde Menschenverstand. «Das müsste man bekannt machen», sagt Garcia, «dass in der Schweiz nicht alle Leute Geld haben».

3.

«Treffpunkt» Hauptbahnhof Bern. Edith Graf ist mit dem Auto in die Stadt gekommen. Die kurze Fahrt aus dem Gürbetal werde sich morgen dann rächen, sagt sie. Seit sie sechs ist, leidet sie an chronischen Rückenschmerzen. Heute ist sie 65. Im Restaurant bestellt sie ein Rivella blau. Aufgewachsen ist sie in Langenthal, ihr Vater, ein Zimmermann, hat sie seinerzeit gelehrt: «Gib gäng es Fränkli weniger us, aus’d hesch.»

Der Verzicht auf die IV-Rente

Edith Graf macht das KV und beginnt 1965 als Sekretärin zu arbeiten. Mit 23 beschliesst sie nach der Konsultation von mehreren Ärzten, wegen der schweren Scheuermann-Erkrankung auf Kinder zu verzichten – und lässt ihren damaligen Freund als Lebenspartner ziehen. Mit 25 hat sie eines Tages eine Autopanne. Ein anderer Autofahrer hält, um ihr zu helfen. Er wird vor ihren Augen von einem Lastwagen erfasst und getötet. «Er war Familienvater», sagt sie. Zum Rücken seien damals Depressionen gekommen. Sie wird IV-Rentnerin.

Zehn Jahre später, 1980, beschliesst sie – gegen die IV-Bürokratie, die behauptet, das gehe nicht – auf ihre Rente zu verzichten, weil sie wieder in die Berufsarbeit einsteigen will. Sie wird Sekretärin in einer Gebäudereinigungsfirma, dann in einer Drogentherapiestation, schliesslich in einer Spitex-Organisation, wo sie mehr als zehn Jahre lang Hauspflegedienste vermittelt.

Ende der achtziger Jahren heiratet sie: Gemeinsam mit ihrem Mann kauft sie ein Haus in Frankreich, das sie zum zukünftigen Alterssitz ausbauen. Ihre Beziehung scheitert. 2003, nach fünfzehn Jahren, lässt sie sich scheiden: «Es waren zwölf Jahre zuviel», sagt sie. Das Haus in Frankreich wird verkauft. Ihren Anteil, 170000 Franken, überweist sie an ihre Pensionskasse. Auch weil sie aufgrund der damaligen Gesetzeslage bei ihren Stellenwechseln Arbeitgeberbeiträge für die zweite Säule verloren hat, bildet dieses Geld den grossen Teil ihres Rentenkapitals.

«Jahrelang bestand mein Leben darin zu arbeiten, nach Hause zu gehen und mich sofort hinzulegen.» Trotzdem geht es 2003, im Jahr der Scheidung, endgültig nicht mehr. Sie ist 57, zieht in ein Dorf im Gürbetal, wird vorzeitig pensioniert und meldet sich wieder bei der IV an. Dort erinnert sich niemand mehr an die tapfere Frau, die vor 23 Jahre auf die Rente verzichtet, sich seither durchgeschlagen und so der Versicherung rund eine Million Franken erspart hat. «Sie haben mich vier Jahre warten lassen», sagt sie. Als ihr 2007 endlich wieder eine IV-Rente zugesprochen wird, hat sie einen bedeutenden Teil ihrer Ersparnisse für den Lebensunterhalt aufgebraucht. Aber ihr Budget hat sie im Griff – obschon zum Rücken unterdessen die Diagnosen Diabetes und Sarkoidose (eine Erkrankung des Immunsystems) gekommen sind.

Die zu teure Krankheit

Dann erhält sie die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Sie wird operiert und mit der Prognose konfrontiert, sie habe «höchstens noch einige Monate» zu leben. Sie unterzieht sich einer Chemotherapie. «Und jetzt  gibt es mich wider Erwarten immer noch.»

Für ihr Budget wirkt sich die Krebserkrankung als «Kostenexplosion» aus. Verschiedene Medikamente, auf die sie angewiesen ist, sind nicht kassenpflichtig. Zudem muss sie pro Woche zwei oder mehr Arzt- und Therapietermine wahrnehmen, meistens in Bern – das Auto kostet. Oft traut sie sich nicht zu, selber zu fahren – auch der Rotkreuzfahrdienst kostet. Und ihre Freundinnen und die guten Nachbarn, die hereinschauen, wenn sie es einen ganzen Tag nicht vor die Haustür schafft, kann sie nicht dauernd um Hilfe fragen. Sie kann ihnen ja als Dank nicht einmal einen Blumenstrauss schenken – Blumen kosten.

Seit der Krebsdiagnose sind Edith Grafs Finanzen aus dem Lot: Die kleine Pension und die IV-Rente (seit 2010 die AHV) reichen nicht, um die Rechnungen zu bezahlen. Sie stopft die Löcher mit dem schrumpfenden Ersparten. Anfang 2011 ist es aufgebraucht: «Im Moment nehme ich das Geld, das die Krankenkasse für die Arztrechnungen schickt, um die nächste Miete zu bezahlen.» Das sei «die berühmte Schuldenspirale», sagt sie: «Ich habe im Drogen- und Spitexbereich selber Leute davor gewarnt und beraten. Und nun kann ich ihr selber nicht ausweichen.»

Die diesjährigen Steuerrechnungen sind unbezahlbar geworden. Deshalb ist Edith Graf im Frühsommer auf die Steuerverwaltung gegangen, hat ihr Dossier auf den Tisch gelegt und gefragt, was sie tun solle. Man empfahl ihr, ein Steuererlassgesuch zu stellen. Das Gesuch wurde abgelehnt. Nun bot sie der Verwaltung Ratenzahlungen an, 200 Franken pro Monat. Abgelehnt: Das sei bei weitem zu wenig, um aus der Schuldenspirale herauszukommen.

So hat sie sich schweren Herzens bei der Berner Schuldenberatung gemeldet. Zurzeit läuft das zweite Steuererlassgesuch, das voraussichtlich wieder abgelehnt wird. Sie bewundert ihre Sozialarbeiterin bei der Fachstelle, die ohne Hemmung zum Telefonhörer greife: «Ich würde mir vor lauter Scham jeden Anruf drei Wochen lang überlegen.»

Die Angst, dass es auskommt

Zur Zeit betragen Edith Grafs Steuerausstände rund 20000 Franken, sie erwartet täglich die erste Mahnung. Für eine Zahnsanierung sollte sie nächstens 7000 Franken einsetzen können. Weil sie unterdessen wegen der Schmerzen rund zwanzig Stunden pro Tag im Bett verbringen muss und fast nicht mehr aufstehen kann, müsste sie so bald wie möglich ein elektrisches Spitalbett haben, Kosten: rund 5000 Franken. Und dann ist da noch ihr Hund: «Wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich nach der Krebsoperation das Gehen gar nicht mehr gelernt.» Unterdessen geht sie mit ihm wieder fast jeden Tag einige Schritte vors Haus. Aber für den Hund genügt das nicht. Darum zahlt sie ihm wöchentlich zwei Ausflüge mit einer Hundeführerin (à 25 Franken).

Statt kleine Raten abzustottern, solle sie sich betreiben, pfänden und sich einen Verlustschein ausstellen zu lassen, hat die Steuerverwaltung Edith Graf empfohlen. Aber das bedeute, sagt sie, dass sie auf das betreibungsrechtliche Minimum gesetzt und ein Teil ihrer Altersrente gepfändet werde. Sie hat Angst: «Wenn im Dorf auskommt, dass ich in den Schulden bin… Nein, nicht mit mir.» Für einen Augenblick kann die Zimmermannstochter aus Langenthal hier nicht mehr weiterreden. Dann: «Ich weiss schon, dass andere lachend zur Sozialhilfe gehen. Aber ich kann das nicht. Wenn es wirklich so weit kommt, dann ist mein Leben nichts mehr wert.»

Nach dem Gespräch ist Edith Graf über den Berner Bahnhofplatz davongegangen. Wenn sie schon in der Stadt sei, hat sie gesagt, wolle sie doch wieder einmal durch das Warenhaus Loeb spazieren.

(1) Alle Namen geändert.

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Schuldenberatung wird wichtiger

In diesem Herbst feiert die Berner Schuldenberatung ihr 25-jähriges Bestehen. Bis 2009 hat sich die Organisation «Verein Schuldensanierung Bern» genannt. Die Namensänderung ist nötig geworden, weil Schuldensanierungen aus zwei Gründen immer schwieriger werden: Die Inkassopolitik wichtiger Gläubiger wird härter und der flexibilisierte Arbeitsmarkt macht geregelte Einkommen seltener und damit Sanierungsplanungen schwieriger. 

Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Beratung seit Jahren kontinuierlich: Dank einem Leistungsvertrag des Kantons Bern betreibt die «Schuldenberatung» unterdessen neben dem Hauptsitz in Bern Filialen in Burgdorf und Spiez. 2010 hat der Verein 1079 telefonische Vorabklärungen geführt (2009: 741) und 557 neue Erstberatungsdossiers eröffnet (2009: 368). Diese neu eröffneten Dossiers repräsentieren eine Schuldensumme von 44,5 Millionen Franken (2009: 31 Millionen), die durchschnittliche Verschuldung ist von rund 70000 auf rund 80000 Franken gestiegen.

Bei seiner Gründung 1986 war der Verein ein Pionierprojekt. Inspiriert vom 1975 entstandenen und bis heute tätigen Verein Neustart in Basel, dehnte man dessen Angebot der Sanierungshilfe für Strafentlassene auf alle aus, die Hilfe suchten. Seither sind in den meisten Kantonen Schuldenberatungsprojekte entstanden. Getragen werden sie von katholischen und reformierten Organisationen, von der Frauenzentrale oder, zum Beispiel in der Stadt Lausanne, von der öffentlichen Hand. (fl.)